Königs Wusterhausen

Königs Wusterhausen

von Klaus-Peter Laschinsky

Die Stadt in Brandenburg

Königs Wusterhausen (13.000 Einwohner), kurz KW genannt, liegt inmitten des Dahme-Spree-Gebietes am Notte-Kanal. Vom weithin sichtbaren Sendemast wurde 1923 der erste zivile Rundfunkverkehr zwischen KW und München aufgenommen. Die Sendestation kann heute über Mittelwelle auf der ganzen Welt gehört werden.

Ursprünge der Stadt
Die Geschichte KW's reicht in wendische Zeiten zurück, als es hier das Dorf "Wustrow" gab. Deutsche Kolonisten gründeten in der Nachbarschaft "Deutsch Wustrow". Beide Bezeichnungen wurden zu Deutsch und Wendisch Wusterhausen germanisiert. Im 17. Jahrhundert zeigte König Friedrich Wilhelm I. eine besondere Vorliebe für Wendisch Wusterhausesn. Zu dieser Zeit wurde auch die Umbenennung in Königs Wusterhausen vorgenommen.

Zur Geschichte der Städtepartnerschaft

Nach dem Zweiten Weltkrieg bemühte sich der „Rat der Gemeinden und Regionen Europas“ durch Städtepartnerschaften um einen Abbau der Spannungen zwischen den ehemals verfeindeten Staaten. Auch Städte in beiden Teilen Deutschlands hatten Interesse an kommunalen Kontakten. Aufgrund der beiderseitigen Abschottungen (in der Bundesrepublik war es die „Hallstein-Doktrin“) kam es zu keinen Vereinbarungen. Erst durch die Politik des „Wandels durch Annäherung“ in den 1970er Jahren eröffnete sich eine solche Möglichkeit. 

1985 erlaubte die Sowjetführung eine Zusammen-arbeit mit Städten „anderer Länder“. Nun durfte auch die DDR Städtepartnerschaften eingehen, Nachdem bei einem Besuch in Bonn im Herbst 1987 die Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker und Bundeskanzler Helmut Kohl ihre Unterstützung für gegenseitige kommunale Kontakte zusicherten, wollten rund 300 Gemeinden in der Bundesrepublik eine Städtefreundschaft mit DDR-Gemeinden. Damit die Vereinbarungen in „sozialistische Bahnen“ verlaufen konnten und nicht aus den Augen der östlichen Staatssicherheit gerieten, erließ der DDR-Ministerrat zuvor die Verfügung Nr. 83/87 vom 1. Juni 1987 über „Aufgaben und Verantwortung der Staatsorgane bei der Vorbereitung und Realisierung von Städtepartnerschaften zwischen Städten der DDR und der BRD“. Auf neun Schreibmaschinenseiten mit dem zusätzlichen Stempelvermerk „VVS“ (Vertrauliche Verschlußsache) wurde darin geregelt, dass die Auswahl der Städte und die Vorbereitung von Entscheidungen über die Aufnahme von Städtepartnerschaften und die Bestätigung der Jahrespläne Sache des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten sei. Der jeweilige Rat der Stadt hatte eine Vorlage des Programms für Delegationen zur Bestätigung beim Rat des Kreises einzureichen, die Auswahl und Zusammensetzung der Delegationen vorzuschlagen sowie Sofortinformationen an den Rat des Bezirks über besondere Vorkommnisse zu melden. Unterzeichnet war die Verfügung von Willi Stoph als Vorsitzendem des Ministerrats der DDR.

Erst Potsdam, dann Königs-Wusterhausen

Auch Zehlendorf bekundete sein Interesse. Was lag näher, als Kontakte mit der benachbarten Stadt Potsdam anzustreben? Der damalige Bezirksbürgermeister Jürgen Klemann lud seinen Potsdamer Amtskollegen Wilfried Seidel anlässlich der 750-Jahresfeier Berlins nach Zehlendorf ein und erhielt dessen Zusage in einem Brief vom 15. April 1987. Doch Erich Honecker, der sich die Genehmigung für solche Verbindungen persönlich vorbehielt, winkte ab. Er befürchtete an der Nahtstelle zwischen Ost und West Fluchten aus der DDR. Seidel musste sein „Ja“ offensichtlich auf höhere Weisung zurückziehen. Mitten in das werben um Potsdam platzte die Nachricht, dass die Bundeshauptstadt Bonn eine Städtepartnerschaft mit Potsdam eingehen werde. Erst ein Gespräch des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen am 11. Februar 1988 mit Honecker im Schloss Schönhausen öffnete die Türen für Zehlendorf, der dabei allerdings Königs-Wusterhausen ins Spiel brachte.

„Viele von uns wussten damals gar nicht, wo Königs-Wusterhausen liegt“, gesteht der spätere Bezirksbürgermeister Klaus Eichstädt in Nachhinein ein. „Besser diese als gar keine“ dachte wohl Klemann und unternahm am 28. April 1988 erste Schritte für eine Anbahnung. Wegen der in der DDR-Verordnung festgelegten Prozeduren verliefen die Gespräche am 7. Juli 1988 äußerst zäh. Zweimal wurden sie für interne „Delegationsberatungen unterbrochen. Am Ende eines Treffens mussten beide Seiten feststellen, dass nicht in allen Punkten Einigkeit hergestellt werden konnte. Hindernis war insbesondere die Auffassung der DDR über die Rechtsstellung West-Berlins, die als Verhandlungsvorgabe von Königs-Wusterhausen vorzutragen war. Dennoch gelang es schließlich, eine Übereinkunft zu erzielen. Nach DDR-Manier musste ein „Jahresplan“ erarbeitet und verabschiedet werden, der dreizehn beiderseitige Besuche auflistete und regelte.

Dann war es soweit. Am 27. Oktober 1988 machten sich unter Leitung von Bezirksbürgermeister Klemann die fünf Stadträte und sechs Bezirksverordnete mit einem Kleinbus auf den Weg nach Königs-Wusterhausen. Pünktlich um 13 Uhr angekommen begrüßte Bürgermeister Artur Winkelmann seine Gäste mit Häppchen mit Forellenfilets, kleinen Steaks sowie Wurst und Käse. Nach dem Imbiß ging es in die von einem Hamburger Mäzen 1889 gestiftete Marie- und Hermann-Schmidt-Schule für Sehbehinderte, wo bereits 55 Stadtverordnete in einer Sondersitzung auf die Zehlendorfer Delegation und die Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde warteten. Sie bestand aus zwei Artikeln sowie einer Protokollerklärung mit fünf Punkten, die von östlicher Seite vorgebracht wurde.

Nach dem Austausch von Gastgeschenken verabredeten sich die neuen Partner zum Gegenbesuch am 3. November in Zehlendorf. Der Delegation aus „KW“ - wie die Königs-Wusterhäuser ihre Stadt abkürzen – gehörten der Bürgermeister, die Stadträtin für Planung, Claudia Baronick, elf Stadtratsmitglieder (wie sich später herausstellte waren unter ihnen vier Inoffizielle Stasi-Informanten) und der Sekretär der Nationalen Front, Siegfried Wuttig. Für den Besuch erhielt der Bürgermeister als Reiseleiten auf Antrag von der Staatsbank für jeden Teilnehmer vierzehn aus DDR-Mark im Verhältnis 1:1 umgetauschte D-Mark. Auf sie wartete zunächst eine ausgedehnte Stadtrundfahrt durch die Zehlendorfer Ortsteile und die City. Wie Teilnehmer äußerten, waren ihnen der starke Autoverkehr und die vielen Straßenbäume aufgefallen.

Die Rundfahrt endete am Rathaus Zehlendorf, wo die zweite Urkunde signiert werden konnte. Neben der Delegation aus Königs-Wusterhausen waren auch die 45 Zehlendorfer Bezirksverordneten sowie fünfzig geladene Gäste zugegen. Der Urkundentext war weitgehend auf den schon verabredeten und von DDR-Seite genehmigten Jahresplan abgestellt. Danach war ein gegenseitiger Informationsaustausch zu beidseitig interessierten Fragen sowie eintägige Besuche von Bezirks-verordneten und Mitgliedern des Rats der Stadt, Beschäftigten aus Betrieben beider Gemeinden, pädagogischem Personal aus Kindertagesstätten sowie Orchesterbesuche abgesprochen.

Bürgermeister Artur Winkelmann (l.) und Bezirksbürgermeister Jürgen Klemann (r.)
Bürgermeister Artur Winkelmann (l.) und Bezirksbürgermeister Jürgen Klemann (r.)

Die Kontakte zwischen den Vereinbarungspartnern erleben 1989 und 1990 ihren Höhepunkt, wenn gleich Stasi-Chef Erich Mielke am 8. Mai 1989 in einer Konzeption zur politischen-operativen Sicherung der Städtepartnerschaften vor „Absichten des Gegnern“ warnte, die Jahrespläne durch unkontrollierbare individuelle Kontakte zu unterlaufen.

Es beginnt im April 1989 mit einer Orientierungsfahrt von Zehlendorfer Stadtplanern nach KW zum Wohnungsbau. Am Elften des nächsten Monats besuchen zwanzig Personal- und Betriebsräte unter Leitung des Bezirksstadtrats Dr. Herbert Wilkens eine Ausbildungsstätte für Blinde und die VEB Broiler- und Frischeierproduktion, die 60 Prozent des Ostberliner Bedarfs an Eiern und Brathühnern liefert.

Flucht im Westen nach dem Westen

Weiter geht es am 1. Juli mit einem Konzert des Dahmeland-Blasorchesters auf dem Dorfanger vor 200 Zuhörern als Beitrag zu den Zehlendorfer Sommerkonzerten und Vorstellungen im Strandbad Wannsee und abends in der Aula der Droste-Hülshoff-Schule. Im Besuchsbericht vom 4. Juli 1989 wurde festgehalten, dass „in einer Vorbesprechung … dem Ensemble die politische Bedeutung dieses Kontaktes durch den Bürgermeister und den Sekretär für Agitation und Propaganda der SED-Kreisleitung, inklusive organisatorischen Verhaltensmaßnahmen, erläutert (wurde).

Dahmeland-Orchester beim Konzert auf dem Dorfanger Zehlendorf
Dahmeland-Orchester beim Konzert auf dem Dorfanger Zehlendorf

Die Instruktion half aber nicht viel. Als nach dem Konzertende in der Schule für die Rückfahrt die Überprüfung der Vollständigkeit der Teilnehmer anstand, wurde festgestellt, dass ein Musiker fehlte. Eine fieberhafte Suche startete. Der als Delegationsleiter fungierende Stadtrat für Jugendfragen, Sport und Kultur, Sydlik, suchte zusammen mit dem Bezirksverordneten Paul Plückhahn und dem Leiter der Zehlendorfer Musikschule, Walter Figur, das nächstgelegene Polizeirevier für eine Nachfrage auf. Dies, wie auch eine Suche in der Schule und deren Umgebung einschließlich aller Gaststätten verliefen negativ.

In dem erwähnten Bericht wird der Musiker als unsicherer Kantonist dargestellt. Schon vor der Konzertreise wurden „seitens der zuständigen Sicherheitsorgane“ Bedenken gegen seine Teilnahme geäußert, weil er dem Genuss von alkoholischen Getränken zuneigen würde und auch Unmut über arbeitsrechtliche Fragen geäußert hätte. „Er war aus musikalischer Sicht schwer zu ersetzen“ und wurde deshalb mitgenommen.“

An anderer Stelle heißt es: „Auf Grund der Tatsache, dass über den Verbleib des Herrn (Name des Flüchtenden ist bekannt) keine Klarheit bestand und wir bis 24:00 Uhr die GÜST (Anm.:  Grenz-übergangsstelle, und zwar die in Dreilinden) zu erreichen hatten, veranlasste der Delegationsleiter die Abfahrt. An der GÜST der DDR angekommen, informierte der Delegationsleiter sofort die zuständigen Organe.”

Die Unterrichtung ist eingeflossen in einen Untersuchungsbericht der Staatssicherheit, den die Abteilung BstU des Bundesarchivs aufbewahrt. Die darin genannten Personen genießen Persönlichkeitsschutz, weshalb eine Einsichtnahme ohne deren Zustimmung nicht möglich war.

Wohl um die Partnerschaft nicht jäh abzubrechen, hielten beide Partner den Ball ganz flach.

Der Osten schwieg; keine Presseberichte im Westen über die Flucht; kein Aktenvermerk im Rathaus Zehlendorf; auch keine Zeile darüber im Jahresheft des Städtepartnerschaftsvereins. Offiziell heißt es nur: „Bezirksstadtrat Arndt unterrichtet (Hinweis: das Bezirksamtskollegium) über den positiven Verlauf des Besuchs des Blasorchesters aus Königs-Wusterhausen.“