Sderot/Israel

50 Jahre Partnerschaft mit Sderot – Ein Rückblick auf eine gemeinsame Städtepartnerschaft

 

Klaus-Peter Laschinsky

 

Sderot befindet sich im Süden Israels, am Rand der Negev-Wüste, rund 13 Kilometer von der Mittelmeerküste entfernt. Die Stadt wurde 1951 gegründet, als 80 Familien aus dem Iran und Kurdistan im Einwanderungslager Gevrim Dorot sesshaft wurden. Anders als viele andere Orte wurde Sderot nicht auf den Ruinen eines palästinensischen Dorfes errichtet, sondern in den frühen 1950er Jahren auf bislang unbesiedeltem Wüstenboden aufgebaut und befindet sich heute im Kernland Israels innerhalb der Grenzen von 1967.

Im Jahr 1956 erhielt Sderot den Status einer eigenständigen Gemeinde. Durch den Zuzug von Neu-Einwanderern, insbesondere aus der ehemaligen UDSSR, hat sich die Einwohnerzahl in den letzten Jahren von 10.000 auf ca. 25.000 mehr als verdoppelt. Dadurch erhielt Sderot vor einigen Jahren die Stadtrechte. In die Freundschaft zwischen Zehlendorf und Sderot wurde auch das nahegelegene Kibbuz Bror Chail einbezogen, dessen Mitglieder zum größten Teil aus Südamerika kommen. Besonders gepflegt wurde die Partnerschaft in der Vergangenheit durch einen regelmäßigen Jugendaustausch, durch Bürgerreisen und Begegnungen von Kommunalpolitikern.

Zur Geschichte der gemeinsamen Städtepartnerschaft zwischen Sderot und Berlin-Zehlendorf

Als am 9. Juni 1975 der Bürgermeister von Sderot/Israel, Elijahu Moyal, und Zehlendorfs Bezirksbürgermeister Dr. Wolfgang Rothkegel ihre Unterschriften unter die Urkunde zur Begründung einer Städtepartnerschaft setzten, war der siebente Städtekontakt eines Berliner Bezirks mit einer israelischen Gemeinde besiegelt. Es handelt sich um einen der ersten offiziellen Partnerschaftsverträge zwischen einer israelischen und einer deutschen Gemeinde.

Die in Hebräisch und deutsch abgefasste und mit den beiden Gemeindewappen verzierte Urkunde trägt folgenden Text: 

Die Anfänge der Partnerschaft zwischen Sderot in Israel und dem Berliner Altbezirk Zehlendorf (heute Teil des Bezirks Steglitz-Zehlendorf) gehen auf die Mitte der 1960er Jahre zurück, als andere Berliner Bezirke Kontakte gen Israel knüpften, um nach dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg Brücken zwischen Deutschland und Israel zu bauen und die Versöhnung zwischen beiden Ländern zu fördern. Dem wollte der vormalige Bezirksbürgermeister Hans Joachim Schnitzer nicht nachstehen und wandte sich an den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Heinz Galinski. Gemeinsam machten sie sich auf die Suche nach einer passenden Gemeinde und stießen dabei auf Elijahu „Eli“ Moyal, der ab 1955 für die „Kinder- und Jugend-Alija“ arbeitete, einer Organisation zur Fluchthilfe für Kinder und Jugendliche aus Nazideutschland nach Palästina, und deshalb jungen Menschen aufgeschlossen gegenüberstand. Den Beteiligten war von Anfang an bewusst, dass es Jugendlichen und Schülern am ehesten gelingen würde, Brücken der Verständigung aufzubauen. Die Wahl von Sderot als Partnergemeinde entsprach auch dem Wunsch Zehlendorfs, nicht nur die bekannten Metropolen zu berücksichtigen, sondern auch mit weniger bekannten Orten Kontakte aufzubauen und zu pflegen. Sderot, die deutsche Übersetzung würde Baumreihen-Allee bedeuten, liegt im Süden des Landes zwischen dem nur wenige Kilometer entfernten Gaza-Streifen und der Negev-Wüste und wurde 1951 als Transitort für Einwanderer aus Nordafrika, hauptsächlich aus Marokko, gegründet und gleichsam auf dem Wüstenboden errichtet. 1958 erhielt Sderot den Status einer Gemeinde und 1996 die Stadtrechte verliehen. Insbesondere durch den Zuzug von Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion wuchs die Bevölkerung schnell an und zählte heute etwas mehr als 25.000 Einwohner. Trotz der gezielten Förderung durch die Zentralregierung konnte sich die Stadt nicht zu einem regionalen Zentrum herausbilden. 

Was gibt es in Sderot zu sehen und zu erleben? Da sind zunächst das Kulturzentrum „Cinematheque“, das Filmfestival veranstaltet und Besucher aus aller Welt anzieht, sowie ein Skulpturenpark, der die Themen „Frieden“ und „Hoffnung“ künstlerisch bearbeitet hat. Besonderheiten, die sich aus der Lage zum Gazastreifen ergeben, sind Spielplätze mit Schutzräumen (hier zeigt sich der erfinderische Umgang mit Sicherheitseinrichtungen) sowie das „Qassam-Museum“, das Reste der in der Stadt niedergegangenen Munition zeigt. Die gastronomische Szene ist vielfältig und präsentiert authentische Gerichte mit nordafrikanischem Einschlag. Wirtschaftliche Basis bilden die Textilindustrie und die Lebensmittelproduktion, für die Obst und Gemüse mit Hilfe von hier entwickelter Tropfbewässerung in guter Qualität kultiviert werden. 

Regelmäßige gegenseitige Besuche – nicht nur der Zehlendorfer Offiziellen, sondern auch von Bürgerinnen und Bürger beider Gemeinden – fanden in der Vergangenheit statt und trugen zur Festigung der Partnerschaft bei. Bisherige Höhepunkte waren die Reise von 80 Teilnehmenden zum Welttreffen der Partnerstädte Israels zum 40jährigen Bestehen des Nahoststaates 1988, der Gegenbesuch zweier Mannschaften, junger Sportler zu einem von Hertha 03 und dem FV Wannsee ausgerichteten Fußballturnier sowie der vom Jugendamtsmitarbeiter Jürgen Hurt entwickelte Plan für einen Jugendaustausch, in dessen Verlauf zuletzt 2012 eine Abiturientenklasse der Dreilinden-Oberschule und  2016 israelische Schüler Zehlendorf besuchten. 

Als besondere Geste der Freundschaft erhielten im Zentrum von Sderot eine Parkanlage und Straße den Namen „Zehlendorf“, und in dem Gedanken an den verstorbenen Zehlendorfer Bürgermeister Dr. Wolfgang Rothkegel wurde ein Wäldchen nach ihm benannt. Auf deutscher Seite wurde am 8. Juni 2009 als besonderen Ausdruck der Verbundenheit der Platz vor dem Märchenbrunnen in Zehlendorfs Mitte in „Sderotplatz“ benannt. In Anwesenheit von Sderots Bürgermeister David Bouskila wertete der damalige Bezirksbürgermeister Norbert Kopp dies als „Zeichen gegen die verbrecherischen Raketen aus dem Gazastreifen“, denen viele Menschen in Israel ausgesetzt seien. Anat Sultan-Dadon, Leiterin der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der israelischen Botschaft in Berlin, drückte die besondere Anerkennung der Botschaft für die „beispielhafte Städtepartnerschaft“ aus. 

Kibbuz Bror Chail

Bei jeder Bürgerreise nach Sderot ist auch eine Stippvisite ins nahe gelegene Kibbuz Bror Chail Besuchsbestandteil, um die auf solidarischem Grundgedanken basierende und kollektiv organisierte Gemeinschaftssiedlung kennenzulernen. Das Kibbuz Bror Chail wurde formal am 19. April 1948 als das letzte Kibbuz vor der Unabhängigkeitserklärung Israels am 14./15. Mai 1948 gegründet. Die Gründungsmitglieder waren unter anderem der junge ägyptische Vorkämpfer aus der zionistischen Jugendbewegung ‚Dror Habonim’ sowie auch der spätere Bürgermeister von Sderot, Eli Moyal. Das Kibbuz Bror Chail liegt im südlichen Teil Israels in einer ländlichen Gegend, die sich Sha’ar Ha-Negev (Tor zur Negev-Wüste) nennt. Der Name Bror Chail bezieht sich auf den verdeckten Ungehorsam gegen anti-jüdische Gesetze und Verordnungen und findet Erwähnung in den Schriften des berühmten Rabbi Yohannan Ben Zaddai.

In den Jahrzehnten nach der Gründung des Kibbuz kamen ähnliche Gruppen junger Menschen, hauptsächlich aus Brasilien, und schlossen sich den Gründungssiedlern an.

Im Jahr 2004 war es 25 Jahre her, seit am 29. Mai 1979 die erste Begegnung zwischen einer offiziellen Zehlendorfer Delegation und Vertretern des Kibbuz Bror Chail in Bror Chail stattgefunden hat. Die Initiative ging vom damaligen Bürgermeister und Innensenator Wolfgang Lüder aus, der 1965 mit einer Studiengruppe in Bror Chail gewesen war. Das Kibbuz liegt ca. 10 km von der israelischen Partnerstadt Sderot entfernt, so dass eine Verbindung sinnvoll erschien. Bei dieser Gelegenheit wurde ein kontinuierlicher Jugendaustausch vereinbart, wobei wechselseitig Jugendliche aus Sderot und Bror Chail berücksichtigt werden sollten.

Bereits 1980 besuchte die erste Bror Chailer Jugendgruppe Berlin. Seither sind die Kontakte nie abgebrochen und neben dem Jugendaustausch wurde das Kibbuz bei den vom Zehlendorfer Städtepartnerschaftsverein organisierten Bürgerreisen regelmäßig besucht. Im Zusammenhang mit den Raketeneinschlägen aus dem in nächster Nähe gelegenen Gazastreifen hat der Verein mit Hilfe von Spenden im Jahr 2002 eine Jugendgruppe aus Bror Chail nach Berlin eingeladen. Anläßlich des 25jährigen Jubiläums wurden die damaligen Kontaktpersonen aus Bror Chail sowie der jetzige Kibbuzleiter nach Berlin eingeladen, um am Programm einer Jugendbegegnung und einem feierlichen Empfang teilzunehmen. 

Auf Einladung des Jugendamtes nahmen im Oktober 2013 22 Jugendliche von dort an einer internationalen Begegnung in Steglitz-Zehlendorf teil. Etliche der jungen Israelis im Alter von 16 bis 18 Jahren leben in dem Kibbuz Bror Chail.  Gemeinsam mit den Zehlendorfer Jugendlichen absolvierten die Gäste ein anspruchsvolles Programm mit einem Empfang durch Bezirksbürgermeister Norbert Kopp, und einem Besuch des Hauses der Wannsee-Konferenz.

Die Städtepartnerschaft zwischen Sderot und Zehlendorf ist mehr als nur ein symbolischer Akt. Sie stand und steht für die Bereitschaft, die schwierige Vergangenheit zu überwinden, und setzt auf zivilgesellschaftliche Begegnungen und den Dialog zwischen den Bürgern beider Länder. Jugendliche, Lehrer, kulturelle Einrichtungen und Kommunalpolitiker wurden bisher in diese Prozesse eingebunden, um nachhaltige Beziehungen aufzubauen.

Wie ist die Situation heute?

Spannungen und Konfliktsituationen zwischen Israel und der arabischen Welt gab es seit der Ausrufung des Staates Israel 1948, der von ihr nicht anerkannt wurde. Der eingeleitete Friedensprozess wurde im Sommer 2000 abgebrochen und die zweite Intifada („Befreiungskrieg der Hamas“) war die Folge. Zum ersten Male flogen Mörsergranaten und Raketen aus dem Gaza-Streifen auf israelisches Gebiet. Die exponierte Lage Sderots an der Grenze zu Gaza war eines der ersten Angriffsziele der Hamas. Die geringe Größe und die kurze Flugzeit machen die Abwehr der Kasamraketen schwierig. Das von Israel entwickelte Abwehrsystem „Iron Dome“ bietet heute einen effektiveren Schutz; weitere Einschläge, die Zerstörung, Verletzte und Tote mit sich bringen, lassen sich nicht völlig verhindern. Extrem wurde die Situation als am 7. Oktober 2023 Hamas-Terroristen vom Gazastreifen aus nach Sderot vordrangen, den Sitz der Stadtpolizei besetzten und mindestens fünfzig Bürger der Stadt ermordeten. Der Kampf mit den Terroristen dauerte drei Tage, dabei wurden zwanzig israelische Sicherheitsbeamte und fünfzig Angreifer getötet. 

Die labile Sicherheitslage hat dazu geführt, das persönliche Begegnungen unterbrochen sind. Abgebrochen sind die Kontakte aber nicht. So hat die Bezirksverordnetenversammlung am 18. Oktober 2023 eine Resolution beschlossen, in der es auszugsweise heißt:

 

„Die Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf verneigt sich vor den unschuldigen Opfern des barbarischen palästinensischen Terrorüberfalls auf israelische Gemeinden, darunter unsere Partnerstadt Sderot. Wir stehen in Trauer um die ermordeten Kinder, Frauen und Männer fest an der Seite Israel gegen die brutalen, barbarischen Verbrechen der Hamas und weiterer palästinensischer Terrorgruppen, die sich damit selber außerhalb jeder Zivilisation stellen. Darüber hinaus sprechen wir unser Mitgefühl denjenigen aus, die verletzt worden sind oder Angehörige durch den Anschlag verloren haben. Wir nehmen Anteil am Schicksal der Entführten.“

 

Es bleibt zu hoffen, dass die kriegerischen Auseinandersetzungen alsbald ein Ende finden und die persönlichen Kontakte mit Hilfe des Städtepartnerschaftsvereins wieder aktiviert werden können.